Outdoor ist nicht gleich Outdoor

 
Die wilden Zeiten des Regenwurmverzehrs und anderer archaischer Survivalrituale als wesentliche Inhalte der modernen Managementausbildung sind vorbei.
Outdoortrainings haben sich als gern genutztes Werkzeug der innerbetrieblichen Weiterbildung etabliert. In vielen Unternehmen und namhaften Konzernen stehen Outdoortrainings an Schlüsselpositionen der Personalentwicklungsprogramme. Geht es um Entwicklung von Sozial- und Handlungskompetenzen, greifen Personalentwickler auf diese attraktive Seminarform zurück.


Mehr noch: Outdoor boomt, Outdoortrainings sind “in”, doch in gleichem Maß wie die Begeisterung über erzielte Trainingserfolge, vermehrt sich die Zahl kritischer Stimmen.


 
Zu Unrecht?
Dass nachhaltige Veränderungsprozesse sehr stark vom Seminarrahmen abhängig sind, liegt auf der Hand. Die individuelle Ausarbeitung eines Trainingskonzepts, das kritische Abstimmen von Seminarinhalten und Erreichbarkeit der Trainingsziele mit den Auftraggebern, sowie die Möglichkeit einer Follow Up Veranstaltung zur Sicherung der Lernergebnisse sind bei seriösen Anbietern gängige Praxis.
Die Hoffungen, “mal schnell” durch ein halbtägiges “Outdoortraining” tiefgreifende Veränderungen der Teamstrukturen zu bewirken, oder dass “der Berg für sich selbst spricht” und somit Reflexions- und Transferphasen nur wertvolle Zeit rauben, sind Geldverschwendung.
Effektives Trainieren braucht Zeit und Engagement aller Beteiligten. Je größer die Anforderungen an Tiefe und Komplexität der Seminarinhalte sind, desto mehr Zeit werden sie, trotz katalytischer Wirkung gut konzipierter Outdoortrainings, beanspruchen. Untersucht man einerseits das Angebot auf dem Trainingsmarkt und berücksichtigt man andererseits das breite Spektrum unternehmerischer Trainingsziele so wied offensichtlich, dass bei der Auswahl und Konzeption eines “Outdoor”-trainigs mindestens ebenso stark differenziert werden muss wie für ein “Indoor”-training. Beim Vergleich verschiedener Konzepte wird deutlich, dass nicht jedes Outdoortraining den gewünschten Seminarerfolg erzielen kann.


 
Rope Parcoure sind die zur Zeit populärsten und in den Medien präsenteste Form des Outdoortrainings. Importiert aus den USA, dort eingesetzt bei Selbsterfahrungsseminaren zu “intuitivem Führen” und der Rückkehr zur Emotionalität des “wilden Mannes”, entstanden neben zahlreichen deutschen Seminarhotels zur attraktiveeren Gestaltung des Angebots Seilgärten mit verschiedenen Aktionselementen in bis zu 20 m Höhe.
Die Teilnehmer überqueren Seilbrücken und werfen sich, ähnlich eines Bungeesprungs, in die Tiefe und wohlpräparierte Sicherheitseinrichtungen.
Neben einem starken Kick, sind Trainingsziele: der individuielle Umgang mit Stress, subjektiv empfundenem Risiko und der Umgang mit Grenzerfahrungen.

Die durch schlecht ausbegildetes Personal und unzureichendes oder falsch angewendetes Material entstehenden objektiven Sicherheitsrisiken gelten bei den meisten Anbietern als ausgeräumt. Der in Gründung befindliche Dachverband für Rope Parcoure wird durch die Einführung von für die Mitglieder verbindlichen Sicherheitsstandarts zur weiteren Risikominimierung beitragen.

Hauptkritikpunkt bleibt die Übertragbarkeit der Lernerfahrungen in den Arbeitsalltag. So ist ein Großteil der Elemente auf Überwindung der Angst vor einer objektiv nicht vorhandenen Gefahr ausgelegt. Die Teilnehmer haben außer dem Einlassen oder Verzicht auf die jeweilige Übungsanordnung kaum Eingriffsmöglichkeiten zur Gestaltung der Situation. Die durch starke Emotionen und das Ausschütten großer Mengen von Adrenalin geprägten, sehr persönlichen Erfahrungen sind nur mühsam in den Alltag zu übertragen. Gelingt es aber die Euphorische Seminarstimmung und das neu gewonnene Selbstwertgefühl am Arbeitsplatz aufrecht zu erhalten und auf die Kollegen zu übertragen, so sind in dieser Atmosphäre oft erstaunliche Leistungen möglich.


 
Mit einem stärker an Gruppenprozessen und Verbesserung sozialer Handlungskompetenzen orientierten Ansatz, arbeiten Trainings mit Schwerpunkt auf Initiativ- und Problemlösungsaufgaben. Hier werden die Seminarteilnehmer mit verschiedenen Übungsszenarien, unterschiedlichster Komplexität, wie “Schneesturm” oder “Floßbau” konfrontiert. Die Trainer legen Regeln fest, die für die Durchführung der zur bewältigenden Aufgabe gelten und eine Herausforderung an Kommunikation, Kooperation, sowie Innovations- und Improvisationsgeschick der Gruppenmitglieder darstellen. Thematisch werden diese Übungen oft durch einen Bezug zu klassischen Outdoorelementen wie Abenteuer, Forschungsreise oder Expedition unterstützt. So kann die Aufgabenstellung für die Übung “Schneesturm” folgendermaßen lauten:

“Stellen Sie sich vor, Sie kehren auf einer Expedition in Ihr Basislager zurück. 200 m vor dem Lager verfinstert sich der Himmel und ein Schneesturm nimmt Ihnen völlig die Sicht. Die Markierung dort hinten im Wald stellt Ihr Basislager dar. Erarbeiten Sie eine Strategie mit der alle Teilnehmer Ihrer Expedition innerhalb von 30 Minuten blind von Ihrem Standort zum Basislager gelangen.”

Moderierte Reflexionsphasen schaffen die nötige Transparenz der gemachten Erfahrungen. Fokus ist hierbei nicht die lehrbuchgerechte Durchführung der einzelnen Übungen, die Frage nach “Richtig” oder “Falsch” oder das Lehren von korrekten sozialen Verhaltensweisen. In exemplarischen Situationen wird unter anderem mit folgenden Fragestellungen gearbeitet: “wie” wurde vorgegangen?, welche Strategien und Verhaltensweisen haben zum Erfolg (zum Scheitern) beigetragen? Welche Rollen wurden eingenommen? Welche Handlungsalternativen hätten bestanden?
In weiteren Übungen werden die Lernergebnisse überprüft, Handlungsalternativen erprobt. Wesentlicher Bestandteil dieser Trainings ist das Erarbeiten konkreter Transfermöglichkeiten des Erlebten in den Alltag.


 
Um Nachhaltigkeit und Tiefgang dieser ganzheitlichen Methode effektiv ausschöpfen zu können ist eine auf das jeweilige Trainingsziel genau abgestimmte Seminardramaturgie ebenso unverzichtbar wie der Einsatz qualifizierter Trainer, die der Gruppe soziale Prozesse in ihrer Vielschichtigkeit durchschaubar und gestaltbar machen. Dass viele dieser Seminare im Freien stattfinden, macht sie nicht zwingend zu Outdoorseminaren. Bei genügend großem Platzangebot können Initiativ- und Problemlösungsseminare ebenso wie Rope Parcoure, indoor abgehalten werden, da sie aus in sich geschlossenen Elementen bestehen, die nur in Ihrem Bezug auf den Seminarzusammenhang in einem sinnvollen Verhältnis stehen. Die Natur wird als angenehmes, inspirierendes Lernumfeld und thematischer Rahmen genutzt. Einzelne Übungen wie zum Beispiel Floßbau überschreiten die Grenze von einer reinen Problemlösungsaufgabe zu einem Element im Outdoortraining mit didaktischer Einbeziehung der Natur.

Diese Outdoortrainings (auch Wildnistrainings) setzen auf echte Herausforderung in einem realen Umfeld mit eigenen Wirkzusammenhängen. Vorgegeben ist meist nur das Zurücklegen einer Strecke von A nach B, das Erreichen eines bestimmten Ziels, sowie das zur Verfügung stehende Material und der Zeitrahmen. Die Bandbreite dieser Trainings umfasst stark an die Initiativ- und Problemlösung angelehnte Aufgaben, wie Schluchtüberquerungen und den schon angesprochenen Floßbau, bis hin zu anspruchsvollen Projekten mehrtätiger Wildnistouren oder expetitionsähnlicher Wüstendurchquerungen in Geländewagen.
Für den betrieblichen Alltag bieten gerade diese Projekte in ihrer Ganzheitlichkeit große Entwicklungschancen. Es werden hier sowohl kognitive wie emotionale Ressourcen der Teilnehmer entwickelt.

Die Notwendigkeit in einer “echten” Situation die richtigen Entscheidungen zu treffen ermöglicht einen Zugang zu den komplexen Interdependenzen individuellen Handelns und gruppendynamischer Entscheidungsprozesse. Dass solche Trainings zu den seltener genutzten Angeboten auf dem Seminarmarkt gehören lieg nu sekundär an größerem Zeitbedarf und den damit verbundenen Kosten.

Mangelnde Trainerkompetenz kann Outdoortrainings leicht zu reinen Spaßveranstaltungen ohne umsetzbare Ergebnisse, Härtetests mit gruppendynamischem Psychoterror oder sogar zur sinnlosen Gefährdung der Teilnehmer misslingen lassen.

Nur wenige Trainerteams verfügen sowohl über die nötige Outdoorerfahrung um durch ein tragfähiges Logistikkonzept und angemessene Risikoabschätzung einen sicheren und funktionierenden Seminarrahmen zu garantieren als auch weitreichende Kenntnisse gruppendynamischer und individualpsychologischer Prozesse, sowie die Fähigkeit, diese durch gezielten Einsatz vielfältiger Moderationswerkzeuge und akzentuierte Reflexion transparent und in Transferphasen für den Alltag verwertbar zu machen.

Durch sorgfältige Auswahl und Abstimmen von Veranstaltungsart, Trainern und Trainingszielen, so belegen es auch die begeisterten Berichte von Personalentwicklern und die langjährigen guten Erfahrungen großer Konzerne, lassen sich im Lernfeld von Sozial- und Handlungskompetenz durch in Personal- und Organisationsentwicklung eingesetzte Outdoortrainings oder Outdoorelemente Veränderungen erzielen, die weit über die Möglichkeiten von reinen Indoorseminaren herausgehen.



Autor: Matthias Göttenauer